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Der erste Eindruck zählt.

Gute sechs Monate nach Erschaffung dieses Blogs sitze ich nun hier und versuche, den ersten Eintrag zu verfassen. Schließlich ist der wichtig. Vergleichbar mit einem Roman, an dem man jahrelang geschrieben hat, und von dem man weiß, dass im günstigsten Fall ein überforderter und unterbezahlter Verlagsmitarbeiter die ersten drei Sätze liest, bevor er sich entnervt dem nächsten kläglichen Versuch lahmer Hobbyschriftstellerei widmet.

Vielleicht sollte ich eine Entschuldigung direkt an den Anfang stellen. Das erweckt einen herrlich devoten Eindruck und entbindet mich in der Folge von jeder Art schlechten Gewissens: Obwohl man mir bereits mein Leben lang sagt, ich solle in kurzen, verständlichen Sätzen formulieren, ist mir das Schreiben in langatmigen, umständlichen Bandwurmsätzen derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich es selbst dann nicht mehr unterbinden könnte, wenn ich wollte. Daher tut es mir für jene, die in der Mitte eines Satzes bereits vergessen haben, was am Anfang stand, sehr Leid, falls sie Mühe haben, zu lesen, was ich schreibe.

Als ich vor einigen Jahren meine stark unterentwickelte Fähigkeit zu gesellschaftskonformem Smalltalk bemerkte, übte ich mich darin, stundenlang zu reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Ich würde behaupten, diese Kunst inzwischen in Perfektion zu beherrschen und habe gemerkt, dass meine Umwelt sich damit sehr zufrieden gibt.

Die Menschen sind sehr glücklich, wenn man mit ihnen spricht und nichts dabei sagt. Leere Phrasen, nichtssagendes Geschwätz. Das mag an meinem Umfeld liegen, aber eben jenes möchte ich auch gar nicht vor irgendwelcher Kritik in Schutz nehmen. 

Der Kunst, bei andauernder Plapperei nichts zu sagen, steht natürlich das Bedürfnis entgegen, etwas über sich selbst Preis zu geben, jemanden in die eigene Welt einzulassen. Jemandem wirklich die Chance zu geben, einen kennen zu lernen. 

Dieses Bedürfnis habe auch ich, neben einer Reihe von Umständen, die es mir die Befriedigung jenes Bedürfnisses sehr schwer machen. Wann immer jemand einen Schritt auf mich zu geht - mit ehrlichen, durchweg positiven Absichten, versteht sich - gehe ich unweigerlich fünf Schritte zurück. Und es gehört nicht viel dazu, herauszufinden, dass dies ein Grund für ein hohes Maß an Einsamkeit ist.

Einsamkeit.

Im Grunde geht es in diesem Blog genau darum. Um jemanden, der einen Saal voller schweigender, sitzender Leute in schillernden Klamotten und Trompete spielend verlassen könnte, ohne aufzufallen. Um jemanden, der sich manchmal so unsichtbar fühlt, dass er absichtlich jemanden anrempelt. Um jemanden, der so lange schon alleine ist, und damit meine ich nicht "single", dass... es nicht wenig genug Worte gibt, das zu beschreiben.

Das Spannende daran, das, was ich mit der Welt teilen möchte und wozu ich diesen Blog vielleicht ins Leben gerufen habe, ist die Perspektive, die sich einem dadurch eröffnet. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, unsichtbar zu sein? Hier erfahrt ihr, live und direkt von der Quelle, wie es ist, wenn einen einfach niemand sieht.*

Es ist sehr leicht, sich in diesem Zustand vor sich selbst zu erschrecken. Beispielsweise darüber, wie viel man über Menschen weiß, ohne je mit ihnen gesprochen zu haben. Im Grunde ist es nur eine Verkettung von Zufällen: Wenn man mit niemandem spricht, hört man alle möglichen Dinge um sich herum. Menschen erzählen viel über sich selbst, im Gespräch mit anderen.

Am vergangenen Donnerstag fuhr ich mit der Bahn und entdeckte schon lange bevor ich überhaupt an der Bahnstation ankam, in der Menge wartender Menschen ein Mädchen, das ich lange nicht mehr gesehen hatte.

In der Bahn setzte sie sich zufällig mir gegenüber und ich sah sie an. Sie hörte Musik und sah aus dem Fenster; lächelte ab und zu spontan und scheinbar grundlos.

Ich wusste ihren Namen. Wusste, mit wem sie seit Jahren zusammen war. Bemerkte das Fehlen ihres Eherings, bemerkte, dass ihre Hüften breiter geworden waren. Ich wusste, dass sie vor kurzem ein Kind geboren hatte, ein Mädchen, das sie Elisabeth genannt hatte. Ich wusste, wo sie wohnte, dass sie sich vegetarisch ernährte und ahnte sogar, welche Band gerade auf ihrem iPod spielte. Und während ich sie ansah und mir all die Fakten über sie in den Kopf schossen, sah sie mich an.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe - sicher nicht, dass sie mich erkennt. Aber plötzlich erschreckte mich die schiere Menge an Information, die ich über sie hatte, ohne dass ich in meinem Leben auch nur einmal mit ihr gesprochen habe. Wie nahe ich ihr damit getreten war, dass mir diese Gedanken durch den Kopf gingen.

Kurz stellte ich mir vor, wie sie wohl reagieren würde, wenn eine ihr völlig fremde Person ihr enthüllte, was sie wusste. Ob es ihr unangenehm wäre. Ob sie mich für verrückt hielte. Ob sie sich erschrecken und über ihren Umgang mit sozialen Medien oder ihre Gesprächsthemen mit Freunden in Anwesenheit anderer nachdenken würde.

Dann fiel mir wieder ein, dass sie mich gar nicht sah.

 -------

*

Für all jene, die mich sehr wörtlich nehmen: Das ist im Grunde genau richtig. Nur in diesem Fall weise ich darauf hin, dass ich mir zur Gänze bewusst bin, nicht unsichtbar zu sein. Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit physischer Präsenz, und ich leide nicht an irdenen schizophrenen oder paranoiden Ideen. Zu sagen, ich sei unsichtbar, entspricht demnach einer Metapher, die auch als solche verstanden werden will.

20.4.14 23:35
 


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